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Mein Schulhaus ist der Wald

 

Synopsis

 

In der Badener Waldschule verbringen 30 Kinder nicht nur ihre gesamte Kindergartenzeit, sondern auch die 1. und 2. Klasse im Wald. Bis auf den Mittwochvormittag findet der Unterricht ausser bei Sturm das ganze Jahr auf ihrem Waldplatz statt. Hier ist offenes Lernen angesagt und im täglichen “Freispiel” loten die Kinder auf dem riesige Areal ihren Freiraum aus.

Der Kanton will die Waldschule nicht unterstützen, deshalb wird sie als Privatschule geführt, die mit dem staatlichen Lehrplan konform ist. Die Eltern der Kinder sind Psychologinnen, Bauern, Anwältinnen und Manager, Fotografinnen, Pflegefachfrauen und Körpertherapeuten. Sie arbeiten in der Industrie und IT-Branche. Primarlehrerinnen sind gleich vier vertreten. Die Kinder dieser Waldschule könnten in 30 Jahren politische oder wirtschafliche Führungspositionen einnehmen.

Der Film gibt Einblicke in die Welt der Kinder unter sich. Ein Schuljahr lang taucht er in ihren Alltag im Wald ein, wobei er sich dem Lernen und Wachsen der Erst- und Zweitklässler:innen verschreibt, ihrem Forschen, Ausprobieren und Erschaffen nachspürt, Momente des Erkennens, aber auch des Scheiterns dokumentiert.

Mein Schulhaus ist der Wald hebt einzelne Kinder hervor und zeigt, wie sie sich im neuen Schuljahr zuerst an ihre neue Rolle gewöhnen müssen - das Sozialgefüge hat sich für alle verschoben. Dieses beeinflusst das Lernen der Kinder sichtbar. Die Waldschulzeit der Zweitklässler:innen läuft im folgenden Sommer ab und bis dahin müssen sie für den Übertritt in die Volksschule fit gemacht werden. Der Druck, der bis dahin kaum auf den Kindern lastete, wird nun spürbar. Zudem schwebt der Abschied für manche Kinder schon zu Beginn des Schuljahres bedrohlich über ihren Köpfen. Die meisten Kinder nehmen die Tage jedoch, wie sie kommen, denn auch das lernen sie im Wald. Das unberechenbare Wetter verlangt ihnen viel Anpassungsfähigkeit ab. Alle hoffen, dass die Waldübernachtung im Juni dieses Jahr nicht verregnet wird und überlegen sich schon Monate vorher wie sie dieses grosse Abenteuer am sichersten bewältigen können.  

Über feinfühlige Beobachtungen ermöglicht uns der Film Einblicke in die Ressourcen und Kraft der Kinder, ihre Ansichten, Hoffnungen und Sehnsüchte und lässt uns über die Bedingungen von Kindheit, Wachstum und Bildung nachdenken.

Filmische Form

Mein Schulhaus ist der Wald wird im Anfangs- und Schlussteil von kurzen Interviews mit den Kindern gesäumt. Dazwischen ist der Film weitgehend immersiv gestaltet. Die beobachtende Form wird ergänzt durch einen persönlich gehaltenen Kommentar der Autorin (gesprochen von einer professionellen Sprecherin), in dem sie von ihrem Antrieb für den Film erzählt, ihren Beobachtungen nachspürt, Brücken baut und die Besonderheiten der Waldschule vermittelt. Der Blickwinkel ist kindzentriert. Das Herzstück des Films sind Szenen, die die Kinder am Rande des erwachsenen Kontrollradius zeigen: beim Erkunden, Erschaffen und in der gegenseitigen Auseinandersetzung. Hier kommt ihre Eigenständigkeit zum Ausdruck. Klassenunterricht wird filmisch eingesetzt um den Rahmen “Waldschule” fassbar und den Geist der Waldschule spürbar zu machen. Von den Lehrpersonen geführte Gesprächskreise geben vertieft Aufschluss über das Denken der Kinder.

 
 

Pädagogik der Waldschule Baden

Die pädagogischen Leitmotive der Waldschule stehen in der Tradition der Reformpädagogik, die in einem handlungsorientierten Unterricht vor allem die eigenmotivierte Tätigkeit der Schüler:innen in den Mittelpunkt stellt. Diese pädagogische Grundhaltung übernimmt die Naturpädagogik und wählt den Wald als Rahmen für den Unterricht, weil sein Eigenleben, seine Weite und die Fülle an unstrukturiertem Material einen unerschöpflichen Fundus an Lern-, Bewegungs- und Erfahrungsmöglichkeiten bieten. Die vielen verschiedenen Sinneserfahrungen fördern ein vernetztes Denken. Die Leitlinien der Waldschule Baden heissen:

Erleben als Grundvoraussetzung für Lernen
Die Kinder in ihrem aktiven und selbst bestimmten Lernen bestärken Tragfähige und vertrauensvolle Beziehungen pflegen
Klare Grenzen setzen

Die Motivation dieser Privatschule, den Unterricht im Wald durchzuführen, ist keineswegs eine Absage an Errungenschaften von Wissenschaft und Technik. Auch im Wald wird eine Boombox eingesetzt, den Kindern gelegentlich ein Aufnahmegerät zur Verfügung gestellt und viel über das Handy abgewickelt. Und ohne moderne Funktionskleidung wäre wohl kaum ein Kind länger als eine Woche im Wald.

Die Lehrerinnen legen Wert auf einen sorgsamen Umgang mit der Natur. Es gibt Regeln, zu welchen Zwecken Äste abgebrochen oder Blätter gepflückt werden dürfen. Ihre Haltung erscheint aber keineswegs dogmatisch. Sie sehen den Wald einfach als idealen Erfahrungsraum für die Kinder.

Protagonist:innen

 
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Anna-Gloria, 1. Klasse, Vermittlerin der Kinderwelt

Anna-Gloria ist immer beschäftigt. Ständig entdeckt sie etwas oder stellt Beobachtungen an. Sobald sie kann, sucht sie sich ein lauschiges Plätzchen, richtet sich ein und vertieft sich. Auch wenn sie ein Rechnungsblatt dabei hat, ist es selten diese Aufgabe, die ihr Interesse als Erstes weckt. Der Waldboden bietet ihr einfach immer etwas, das ihre volle Aufmerksamkeit erfordert. Irgendwann erinnert sie sich aber doch an die gestellte Aufgabe und macht sich konzentriert an die Arbeit - bis sie den nächsten Käfer entdeckt. Sie ist gleichzeitig eine engagierte Schülerin, ein verträumtes und verspieltes Kind. Sie kann es sich leisten, dem Waldboden so viel Zeit zu widmen, denn sie beherrscht den Schulstoff mit links. Zu Hause hört sie jeden Tag «Was ist was» und weiss deshalb sogar, wie die Welt entstanden ist und noch viel mehr. Daraus lässt sich schliessen, dass sie Eltern hat, die der Bildung ihrer Kinder viel Bedeutung zumessen, über die Erfahrungen im Wald hinaus.

Anna-Gloria ist klein, hat blaue Augen und blonde Haare, sie trägt fast ausschliesslich pink und liebt das Einhornmotiv, das auch auf ihrer Waldkleidung präsent ist. Dieses Tenu eignet sich aber nicht weniger gut zum Klettern, Bauen und Matschen. Obwohl Anna-Gloria überall nach Kräften mitanpackt, löst ihre Erscheinung – vielleicht tut auch ihr Name mit zur Sache? – bei den Jungs die Bezeichnung «Prinzessin» aus. Dagegen wehrt sie sich vehement und kämpft mit starkem Willen für den Status, der ihr vorschwebt.

Anna-Gloria ist nicht das Mädchen, das Aussenstehenden als erstes auffällt. In den Unterrichtssequenzen verhält sie sich eher zurückhaltend. Ausserhalb davon ist sie oft alleine mit Walderkundungen beschäftigt. Sie hat aber sehr genaue Vorstellungen von der Person, die sie sein möchte: Sie möchte gerne den Ton angeben und bei den Grossen mitmischen, besonders bei Melina. Melina ist die angesagteste Zweitklässlerin, alle Buben sind verliebt in sie, alle Mädchen wollen ihre Freundin sein. Leider ignoriert Melina Anna-Gloria. Damit will sich Anna-Gloria einfach nicht abfinden und wenn ihr die Mittel ausgehen, verzieht sie sich zu ihrem Baumfreund und ist verzweifelt. Zum Glück hat Thorben ein gutes Gespür für ihre Befindlichkeit und kümmert sich in solchen Momenten um sie. Wenn gar nichts mehr hilft, dann tritt Elisa, die vierjährige Schwester auf die Bühne.

Anna-Glorias Kampf um Status ist ein leiser. Das hat viel damit zu tun, dass sie die Grenze des sozial Erlaubten nie überschreitet. Und sie sucht sich wechselnde Verbündete. Sie gesellt sich mal zu den älteren Jungs, mal zu den gleichaltrigen, mal zu den Jüngeren. Mit ihnen allen kann sie es gut. Immer wieder ist sie auch gerne alleine und sich selber genug. Trotzdem will sie eben unbedingt dick mit Melina befreundet sein und kämpf immer wieder um ihre Aufmerksamkeit.

Der Film setzt den Fokus auf die Schulkinder (1. und 2. Klasse). Von ihnen werden fünf Kinder hervorgehoben. Die zentralste Rolle erhält dabei die Erstklässlerin Anna-Gloria, da sie aufgrund ihrer Eigenschaften zur Vermittlerin zwischen Kinder- und Erwachsenenwelt prädestiniert ist. Ein vierjähriges Mädchen und ein gleichaltriger Junge stehen für die Welt der kleinsten Kindergartenkinder, die sich erst noch in der 30köpfigen Gemeinschaft zurecht finden müssen. Ihre Wege verlaufen im Alltag der Waldschule vielfach unberührt zu jenen der Schulkinder, immer wieder kreuzen sie sich aber auch oder verlaufen gemeinsam. Auf die vorgestellten Kinder legt der Film einen Fokus, sie sind aber Teil der ganzen Gemeinschaft. Da die Kinder oft in wechselnden Gruppen aktiv sind, werden automatisch verschiedene Gruppen bzw. Kinder im Film präsent sein.

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Thorben, 1. Klasse

 

Thorben ist einfach riesig, niemand würde in ihm einen Erstklässler vermuten. Auch wenn er im Klassenverband den Unerschrockenen gibt und Anweisungen der Lehrerinnen sehr hartnäckig ignorieren kann, ist er keineswegs ein Anführer, er sucht immer den Anschluss, er ist immer ein Partner. Alleine ist er auf verlorenem Posten, er hasst die Baumfreundzeit und weiss wenig mit sich anzufangen. Die Lehrerinnen sagen, er müsse es schaffen, eine Viertelstunde alleine bei seinem Baum zu weilen, ohne nach den anderen Kindern zu rufen.

Er ist aber auch der erste, der aufhorcht, wenn in seiner Nähe ein Streit aufflammt. Dann hält er inne, beobachtet betroffen die Szene, findet aber keinen Weg um einzugreifen und zu vermitteln. Erst wenn sich die Parteien zurückziehen, nähert er sich behutsam dem unterlegenen Kind und führt ihm einen seiner Messertricks vor. Er ist ein sehr feinfühliger Junge, der in der Runde aber gerne den harten Macker gibt.

Thorben ist stolz auf seine Rechenkünste und bis auf seine Austicker ein gewissenhafter Schüler und arbeitet gerne mit anderen Kindern zusammen. Bei den gleichaltrigen Mädchen ist er sehr beliebt, sie wollen alle mit ihm spielen und neben ihm sitzen. Das bringt ihn regelmässig sichtbar in Bedrängnis. Eigentlich würde er am liebsten alles mit Lucien machen, ist aber gleichzeitig sehr darauf bedacht, es allen recht zu machen und niemanden zu verletzen.

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Lucien, 2. Klasse

 

Lucien sieht sofort, dass beim Waldsofa ein Pflock eingeknickt ist. Geht hin, überprüft die Sache mit einem raschen Handgriff, stemmt die Hände in die Hüfte, stapft zur Werkzeugkiste, greift zum Hammer und haut den Pflock zurecht. Eigentlich hätte er das erst mit der Lehrerin absprechen sollen, aber Lucien ist ein Mann der Tat. Für ihn ist schon jetzt klar, dass er einmal den elterlichen Hof übernehmen wird.

Er ist vermutlich das Kind, das einem als erstes auffällt unter den Waldschulkindern. Das liegt bestimmt an seinem Drang, ständig die Aufmerksamkeit auf sich zu lenken, sein strahlendes Gesicht schliesst man dann auch gleich ins Herz. Aber es hat auch viel mit seiner sehr engagierten Art zu tun. Mit Lucien ist immer zu rechnen, er hat immer einen Beitrag und Ideen, gefragt und ungefragt. Er ergreift regelmässig die Initiative für ein waghalsiges Projekt, tut sich mit ein paar anderen Abenteuerlustigen zusammen und fällt mal rasch einen kranken Baum. Mit Lucien ist es einfach nie langweilig.

Seit der Kindergartenzeit finden ihn alle klein und herzig. Mittlerweile wird er nicht mehr unerlaubt hochgehoben, aber wenn eine der Zweitklässlerinnen seine Provokationen mit einer Kampfattacke pariert, ist er immer der Unterlegene.

Bei seinem Baumfreund kann er sich blendend alleine beschäftigen. Im Verlaufe des Schuljahres legt er dort einen regelrechten Garten an und steckt ihn feinsäuberlich mit Minipfählen ab. Bis im Sommer will er dort für die Waldzwerge einen Naturpark bauen.

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Ella, 1. Kindergartenjahr

 

Ella ist im Sommer neu in die Waldschule gekommen und hat ein paar Wochen gebraucht, um zu verstehen, wie der Betrieb läuft. Wie die anderen neuen Kindergartenkinder steht sie zu Beginn oft abseits und beobachtet die Situation. Bis sie eine Ecke findet, die ihr gefällt und sie sich in ein privates Spiel vertieft. Sie sucht den Kontakt zu den gleichaltrigen Mädchen Paula und Elisa, wobei ihr eigenwilliges Wesen erkennbar wird. Manchmal darf Ella nicht mitspielen. Dann heckt sie eine List aus, wie sie den anderen Steine in den Weg legen kann. Im Gegensatz zu den Schulkindern scheinen diese drei Mädchen in den ersten Monaten in einem Paralleluniversum zu leben. Ihr Radius ist klein und sie mischen sich nicht unter die anderen Kinder.

 

Bei diesen jüngsten Kindern ist die Entwicklung, die sie im Verlaufe des Schuljahres durchmachen, am Offensichtlichsten. Ella freundet sich mit dem taffen sechsjährigen Jaro an. Dieser verkündet zwar, dass er Ella beschützen will, aber Ella lässt sich davon nicht beeindrucken und mischt sehr selbstbewusst den Laden auf. Ella entpuppt sich als starkes, engagiertes Mädchen, das gerne den Ton mitangibt und sich unter allen Kindern viel Achtung verschafft.

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Nael, 2. Klasse

 

Nael ist der selbstdeklarierte, sowie von den anderen anerkannte Naturforscher. «Fragt Nael» heisst es, wenn jemand eine Pilzsorte nicht kennt. Nael erzählt leidenschaftlich von Kräutern, Versteinerungen, Spinnen, Giftpflanzen usw. Er ist ein guter Beobachter und weiss über beinahe alles, was im Wald wächst und lebt, ziemlich gut Bescheid. Gefühlt jeden Tag bringt er etwas aus seinem Privatmuseum mit und präsentiert es der Klasse: einen Dachsschädel, einen Faustkeil oder einen Sack voller Versteinerungen. Immer wenn er einen seltenen Fund im Wald macht, ruft er aufgeregt alle herbei. Dann versammelt sich die halbe Schar um ihn herum, er doziert ein wenig und alle staunen.

Nael wäre gerne nicht nur als Waldkennerinstanz, sondern auch als Anführer akzeptiert. Aber seine lebhaften Vorstellungen davon, was gespielt werden soll und wie genau, sind meist so unflexibel, dass die anderen Kinder oft frustriert das Spiel verlassen. Er scheint das jedoch gut wegzustecken, zuckt die Schultern und sucht sich neue Verbündete.

Nael ist zwar ein Jahr älter als die anderen, mit Lesen, Schreiben und Rechnen kommt er aber immer noch nicht zurecht. Er kann einfach nicht lernen, wenn es von ihm erwartet wird! Dabei sollte er bis Ende Schuljahr noch ziemlich aufholen. Aber er glaubt nicht daran, dass er das schafft. Er kann und will das nicht.

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André, 1. Kindergartenjahr

 

André scheint ein Erwachsener in Miniform zu sein. Er ist ausserordentlich gesprächig und aufgeschlossen und hat immer eine Weisheit oder Erkenntnis mitzuteilen. Er macht den Eindruck, als kenne er keine Altersunterschiede und spricht auch die Erwachsenen auf Augenhöhe an. André ist meist alleine unterwegs, schaut, wo etwas läuft oder etwas getan werden muss, gesellt sich dann ungeniert dazu und tut gleich seine Meinung kund.

Wenn es jedoch um praktische Verrichtungen wie Rucksack packen geht, holt er sofort Hilfe bei den älteren Kindern und lässt diese damit kämpfen, alle seine Utensilien zu verstauen. Oft hilft ihm sein Gspänli Nael, dessen Haken dem System entsprechend neben Andrés angebracht ist. Nael nimmt diese Pflicht sehr ernst, anders als einige Mädchen behandelt er André jedoch ebenfalls auf Augenhöhe und plant mit ihm gemeinsame Unternehmungen an den freien Nachmittagen. Er zeigt ihm, wie das Packen geht und ermuntert ihn, dies bis Ende Schuljahr selber zu erledigen.

Andrés kindliche Neugierde erweitert am offensichtlichsten seinen Wissenshorizont. Er verblüfft mit Sachwissen, mit dem er die anderen Kinder überfordert. Der gleichaltrigen Elisa erklärt er, dass Kellerasseln Schwermetalle aus dem Boden filtern. Diese denkt kurz nach und entgegnet dann, dass das nicht gut sei, weil die Asseln ja so klein sind und nicht so schwere Dinge heben können.

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Wanda, 2. Klasse

 

Wanda ist gleichzeitig eine Denkerin und ungestüme Abenteurerin. Ihre Haare reichen fast bis zur Hüfte und Wanda legt grossen Wert darauf, dass sie die längsten in der Klasse hat. Ihrem Wesen nach ist sie eher wild und immer bereit, sich in eine Rauferei zu stürzen. Fast noch mehr sticht aber ihre beobachtende und reflektierende Seite heraus. Man sieht sie oft dastehen und in die Ferne schauen, man spürt dann förmlich, wie sie nachdenkt. Wanda ist in allem, was sie tut, sehr leidenschaftlich. Sie vertieft sich hochkonzentriert in die Beschäftigung mit ihrem Baumfreund und widmet sich Gestaltungsaufträgen mit Waldmaterialen hingebungsvoll.

Wanda ist eine reife Zweitklässlerin und hat zu allem eine sehr eigene Meinung. Sie findet deutliche Worte für das, was in der Waldgemeinschaft schief läuft. Manchmal hat man das Gefühl, sie ersetzt die Lehrerin. Wandas jüngerer Bruder Philon ist im Sommer in den ersten Kindergarten gekommen. Trotz seines auffälligen Verhaltens hält Wanda zu ihm und verteidigt ihn in schwierigen Situationen. Sie legt aber auch grossen Wert darauf, nicht für ihn zur Verantwortung gezogen zu werden. Sie hofft, dass er bis Ende Schuljahr selbständiger wird und nicht mehr dauernd an ihr hängt.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Lehrerinnen und Praktikantinnen

 

Nathalie, Nadja und Franziska sind die Hauptlehrerinnen. Nathalie ist für die Kindergartenkinder zuständig, Nadja für die Schulkinder. Franziska übernimmt den Rhythmik-Unterricht und hilft im Teamteaching. Sie werden von den Kindern geduzt. Nathalie ist gern mittendrin in der Kinderschar. Sie kriecht mit den Kindergartenkindern auf dem Boden herum und beteiligt sich engagiert an Fangspielen. Nadja hält intensiven Kontakt zu den Kindern und widmet ihnen ihre volle Aufmerksamkeit. Auch Franziska, deren Pensum geringer ist, hat immer ein offenes Ohr für die Geschichten oder Sorgen der Kinder. Alle drei vermitteln den gleichen Geist einer Schule, die die Kinder und ihre Bedürfnisse sehr ernst nimmt. Die Lehrpersonen trauen den Kindern viel zu und lassen ihnen sehr bewusst viel Freiraum - in der Gestaltung, aber auch physisch. Sie haben ein sicheres Gespür dafür, welche Kinder eine Begleitung oder zumindest ein wachsames Auge brauchen (die jüngsten sind ja erst vier Jahre alt) und welche Kinder sie ihrem Blickfeld entrinnen lassen können.

Auch in der Waldschule gibt es Kinder, die die anderen stören oder sich nicht an die Regeln halten. In solchen Fällen nehmen die Lehrperson das Kind zur Seite und besprechen mit ihm die Situation. Hier und überhaupt in allen Situationen ist ihr Tonfall ist ruhig und wohlwollend, kaum je hört es sich nach Schimpfen oder Ermahnen an.

Die beiden Praktikantinnen Annica und Katja unterstützen die Lehrerinnen während eines ganzen Schuljahres und werden in dieser Zeit zu sehr engen Bezugspersonen der Kinder. Teilweise führen sie kleine Gruppenarbeiten mit den Kindern durch. Hauptsächlich besteht ihr Job aber darin, sich um die Kinder, die ausscheren, zu kümmern (und das beschäftigt sie nahezu ununterbrochen).

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Lehrpersonen

 
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Dramaturgie

 

Der Verlauf des Schuljahres und der Verlauf der Jahreszeiten geben den Takt an. Die Waldübernachtung und die Abschiedsrituale der letzten Schulwoche mit dem Austritt der Zweitklasskinder bilden den emotionalen Höhepunkt.

Im Anfangsteil des Films sitzen die Protagonist:innen (Schulkinder) bei ihrem Baumfreund und erklären in klassischen Regie-Interviews die Waldschule inklusive Baumfreundkonzept und geben Auskunft darüber, ob sie immer gerne im Wald sind und was ihnen hier nicht gefällt. Anschliessend führt die Autorin (Sprecherin) den OFF-Kommentar ein. Dieser ist sehr persönlich gefärbt und erzählt, was die Autorin antreibt, diesen Film zu machen und welche Fragen und Gedanken sie dabei beschäftigen (vgl. dazu „Anmerkungen der Autorin“). Der Kommentar führt durch den ganzen Film hindurch, gibt ihm ein Gerüst und könnte auch eine dramaturgische Funktion übernehmen, beispielsweise über subtiles „foreshadowing“.

Die erzählerischen Bögen, die über den Film gespannt werden, ergeben sich aus dem Reifeprozess der Protagonist:innen im Verlauf des Schuljahres. Der Film kommt ihrem Wesen Schritt für Schritt auf die Spur und schafft zunehmend emotionale Bande. Darüber hinaus werden die Juwelen aus dem Alltag in kleineren episodischen Bögen erzählt, wie zum Beispiel dem (simulierten) Bau und Betrieb eines Regenwurmmuseums oder einer Wolfszucht, dem Beerdigungszeremoniell eines Molchs oder dem Bau einer Festung um die kleinsten Kindergartenmädchen zu beschützen. Gewisse Motive tauchen im Freispiel immer wieder auf: Tierbegegnungen, Bauten erstellen (hier sind die Geschlechterstereotype interessant zu beobachten), Walderzeugnisse produzieren und Gärten anlegen. Und der Krieg in der Ukraine.

Regen, Kälte und nasser Schnee oder auch Ameisen und Mücken im Sommer fordern den Kindern oft viel ab. Das bringt einige von ihnen an ihre Grenzen und sie verweigern alles, da sie die Situation nicht ertragen können. Es gibt Tränen und die Kinder wollen nach Hause. So entstehen immer wieder kleine dramatische Momente. Der Waldalltag ist sowieso mit augenscheinlichen Risiken und Gefahren verbunden. Fast wartet man auf den Moment, wo mal ein Kind bei einer Kletterunternehmung vom Baum fällt oder mit der Hacke daneben haut. Es kommt sogar vor, dass die Kinder auf eigene Faust eine alte 20-Meter hohe Tanne fällen, wenn das Brennholz knapp ist. Mit einem Abstecher ins Schulzimmer, wo die Schulkinder jeweils am Mittwochvormittag unterrichtet werden, schafft der Film den Bezug zum Leben ausserhalb des Waldes. Die Kinder tragen hier ihre «normalen» Kleider, auch Röckli, Trainerhosen, Paillettenpullis, die Erstklässlerin Carlotta bevorzugt ihr Pipi-Kostüm oder die Wonder-woman-Garderobe.

Der Höhepunkt des Schuljahres bildet für die Kinder die Übernachtung im Wald, die jeweils im Juni stattfindet. Die Kinder bauen sich im Vorfeld gruppenweise eine Schlafstätte. Schon im Winter wird dieser aufregende Anlass thematisiert und sie debattieren, wo sie ihren Unterschlupf bauen werden. Gegen den Sommer hin werden die Zweitklasskinder mit verschiedenen Abschieds- und Erinnerungsritualen auf ihren Austritt vorbereitet, die jüngeren Kinder auf ihre neue Rolle im nächsten Schuljahr eingestimmt. In der vorletzten Schulwoche findet anschliessend an die Waldübernachtung der letzte Elternanlass statt. Jede:r der Protagonist:innen bewältigt gemeinsam mit Mutter und/oder Vater einen Postenlauf. In diesen letzten Teil werden Interviews mit den Schulkindern eingeflochten, in denen sie über ihre Gefühle für das nächste Schuljahr sprechen und sich ihre Zukunft ausmalen.

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Alltag in der Waldschule

 

Für die Kinder startet der Schultag um 8.30h beim Bahnhof Baden,wo sie von zwei Praktikantinnen mit dem öffentlichen Bus abgeholt und zum Waldareal begleitet werden. Dieses liegt zwischen dem Waldrand und einem Spazierweg. Hier gibt es ein solide gebautes Waldsofa und das “Nest”, ein mit liegenden Baumstämmen angelegtes Sitzrechteck (die Eltern bringen diese Einrichtungen regelmässig wieder in Schuss). Über diese beide Bauten können bei Regen Blachen gespannt werden. Ansonsten gibt es keine fixen Einrichtungen. Als Toilette dient der “Pipiwald”, wo sich bei Bedarf alle, Kinder und Lehrerinnen, hinkauern oder -stellen. Die Kinder treffen um neun Uhr auf dem Waldareal ein und werden herzlich von den Lehrerinnen Nadja und Nathalie und je nach Tag auch von Franziska begrüsst.

Jedes Kind hängt seinen Rucksack an seinen Haken an der Aussenseite des Waldsofas. Die Kindergartenkinder beginnen mit einem gemeinsamen Spiel, die Schulkinder müssen als erstes ihr Morgentraining absolvieren: Rechenkärtchen in verschiedenen Schwierigkeitsstufen. Bald treffen sich alle gemeinsam zum Morgenkreis, es wird begrüsst, gesungen, den kranken Kindern ein Gruss nach Hause geschickt. Darauf folgt ein meist einstündiges schulisches Programm. Häufig getrennt nach Kindergarten und Schulkindern, immer wieder aber auch gemischt, damit die Kleinen und Grossen miteinander und voneinander lernen können. Nach dem Znüni steht das Freispiel an, ein wichtiger Pfeiler der Waldschule und das Highlight des Tages.

Für die Kindergartenkinder umfasst der Stundenplan alle Vormittage. Am Dienstag und Donnerstag gibt es zusätzlich ein Mittagessen, das von den Eltern vor Ort über dem Feuer gekocht wird. Die Schulkinder verbringen auch die beiden Nachmittage nach dem gemeinsamen Mittagessen im Wald, während die Kindergartenkinder dann nach Hause begleitet werden.

 

Szenen

 

Der Film setzt sich grösstenteils aus Szenen aus fünf verschiedenen Stundenplansequenzen zusammen:

1) angeleiteten Sequenzen in Gruppen

2) Baumfreund

3) Freispiel

4) Philosophieren über Naturphänomene

5) Rechentraining und Sprachaufgaben

Im Folgenden wird zu jeder dieser Sequenzen eine Szene aus der Recherche erzählt. Die Schulstufe der Kinder steht zur leichteren Orientierung jeweils in Klammern bei den Namen.

 

1) Angeleitete Sequenzen in Gruppen: Projekt Läden bauen

Die erste Vormittagshälfte ist jeweils für angeleitete Aktivitäten reserviert. Die Lehrerinnen bereiten sie akribisch vor. Die Aktivitäten finden etwa gleich oft in Stufen getrennt wie stufengemischt statt. Stufengetrennt bedeutet für die Erst- und Zweitklasskinder eher etwas Schulisches. Das ist aber spielerisch gehalten und thematisch eingekleidet, meist wird mit Waldmaterialien gearbeitet. Wenn die Sequenz stufengemischt stattfindet, also in Gruppen, die aus Kindergarten- und Schulkindern zusammengesetzt sind, dann ist es eher etwas Handwerkliches, wie z.B. Specksteine bearbeiten, oder ein Gruppenprojekt wie «Läden bauen».

Morgenstimmung. Noch wird das Waldareal nur von den Lehrerinnen belebt. Der Nebel hängt an diesem Morgen sehr dicht zwischen den Bäumen. Darunter sind Auslagen aus Tannenzäpfen, Misteln, Steinen und Bucheckern zu erkennen, die schön ordentlich auf Baumstammbänken arrangiert sind. Dazwischen baumeln von Kinderhänden geschriebene, laminierte Preislisten und Ladenschilder. Jetzt hört man die Kinder in der Ferne.

Alle Kinder stehen im Morgenkreis in sechs altersgemischten Gruppen. Melina (2Kl) hat das Wort bekommen: “Bei uns ist das Tierheim, der Tierfutterladen und der Tierarzt.” Lucien (2Kl) folgt: “Bei uns gibt es Computer und Kabel.” Dann meldet sich in der dritten Gruppe am schnellsten die kleine Elisa (Kg1) und ruft mit fester Stimme: “Bei uns gibt es eine Schokoladenfabrik!” In der vierten Gruppe sprechen Ena (2Kl) und Wanda (2Kl) synchron: “Wir haben eine Bank, ein Museum und eine Post. Und das Museum ist ein Regenwurmmuseum”. Tino (2Kl) unterbricht sie und korrigiert: “Nein, wir haben ein Postmuseum!”

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Ena wischt die Theke des Museum, Wanda schlägt mir sehr entgegenkommender Stimme vor, auf der hinteren Seite noch ein Hinweisschild für das Museum anzubringen. Das stösst aber nicht auf Zustimmung, vielmehr hat jeder der Gruppe ganz eigene Vorstellungen, wo die Bank genau aufhört und das Museum anfängt.

Lucien und sein Gspänli Liam (Kg2) graben neben dem Museum mit Handschaufeln tief in den Boden (sie haben den Computerladen vorübergehend geschlossen). Ena zählt im Hintergrund in einem improvisierten Gehege Regenwürmer. Lucien springt auf und rennt jubelnd mit einem Regenwurm zum Gehege. Gleich darauf hüpft ihm Liam, ebenfalls mit einem Regenwurm auf der Schaufel, hinterher. Nun folgt ein Regenwurm nach dem anderen, die Freude ist gross. Doch bald herrscht eine helle Aufregung, wem denn nun welcher Regenwurm gehört. Wanda schlägt vor, dass alle allen gehören. Ena zeigt sich spontan einverstanden, wobei: “Aber einer gehört wirklich mir”. Liam wendet ein, dass seiner leider abgehauen sei. Wanda bringt ein, dass man nun die Regenwürmer scannen müsse. Ena findet das eine ganz schlechte Idee und inspiziert den Regenwurm in ihrer Hand genau: “Dieser ist noch sehr jung.” Pause. Sie schaut noch genauer hin. Dann schreit sie: “Er ist krank!” Sie überlegt, ob sie diesen kranken Regenwurm dem Tierarzt bringen soll und marschiert bereits davon. Tino (2Kl) rennt ihr in grösster Aufregung hinterher: “Ena, verkauf ihn bloss nicht den anderen, bei denen weiss man nie, wo diese Regenwürmer am Schluss landen, ob sie auf unserem Konto landen oder auf einem anderen. Lucien, bring ja nie einen Regenwurm zu diesem Tierheim! Die haben es voll auf sie abgesehen und wollen sie verkaufen. Und wir haben nichts davon!” Seine Stimme überschlägt sich.

 

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Ena zählt wieder Regenwürmer. Sie ist schon bei 18 angelangt. Es versammeln sich immer mehr Kinder um das Gehege und zählen mit, auch Melina vom Tierheim. “Könnt ihr uns auch einige geben?” Tino entgegnet sehr ernsthaft: “Wenn sie Junge bekommen!” Ena will Melina auf ihr heftiges Drängen hin grosszügig zwei Regenwürmer abgeben. Lucien ist strikt dagegen: “Nein, sie bekommen keine!” Ena lässt sich schnell von ihm überzeugen und argumentiert, dass die anderen eine Regenwurmzucht eröffnen würden. Wanda versucht zu vermitteln und möchte einen Teil der Regenwürmer verschenken. Jetzt gerät sie sich mit Ena in die Haare. Nael (2Kl) stösst dazu, das Geschrei hat ihn wohl herbeigelockt. “Was macht ihr hier bloss? Nur für ein paar Regenwürmer grabt ihr hier jetzt die Erde um? Dann könnt ihr hier auch gleich ein Kornfeld pflanzen!”

Ena und Melina besprechen sich in der Ferne - immer noch vom Nebel umhüllt - mit Franziska, der Lehrerin.

Ena steht am Gehege und kündet mit entschiedener Stimme an, dass sie nun dem Tierheim vier Regenwürmer vermacht. Lucien ist explizit dagegen, aber Tino stimmt Ena zu. Anna-Gloria (1Kl) stösst zum Museum und erkundigt sich, ob sie mal die Regenwürmer anschauen dürfe. Ena hat keine Zeit für sie, sie ist mit ihrem neuen Regenwurmdeal beschäftigt. Anna-Gloria schaut sich die Regenwürmer trotzdem von sehr nah an. Lucien gräbt engagiert weiter.

In den anderen Läden ist zwar weniger Betrieb, aber vielerorts arbeiten die Kinder sehr konzentriert.

Melina und Sophia (2Kl) stehen hinter ihrer Tierheim-/Tierfuttertheke und ordnen Tannzapfen. Ena eilt in grossen Schritten herbei. “Ich will die Regenwürmer zurück!” - “Nein!” - “Ich habe sie euch sozusagen nur ausgeliehen.” - “Ausgeliehen?” - “Ja, ausgeliehen. Ich kann sie euch jederzeit wieder nehmen. Ganz einfach.” - Sophia läuft davon und sagt: “Ich finde, es läuft voll nicht gut.” - “Wieso?” - “Wegen euch!” - “Ihr könnt ja selber Regenwürmer suchen!” Ena stampft davon. Malin (2Kl) schreitet dazu und wendet ein: “Melina, etwas verstehe ich nicht. Wieso heisst das Tierheim, wenn ihr die Regenwürmer verkauft?”

 

2) Baumfreund

Jedes Kind sucht sich zu Beginn der Waldschulzeit einen Baum aus, der für die vier folgenden Jahre zu seinem Baumfreund wird und schmückt ihn mit einem feinen farbigen Schnürchen. Diesen Baumfreund besuchen die Kinder regelmässig, die Schulkinder immer am Dienstag und Donnerstag nach dem Mittagessen. Dann weilt jedes Kind alleine für etwa 15 Minuten bei seinem Baumfreund und darf sich maximal fünf Schritte von ihm entfernen. Nicht alle Kinder halten diese ruhige Zeit gleich gut aus. Während die einen in ein Zwiegespräch mit ihrem Baum versinken, unterhalten sich die anderen quer durch den Wald mit ihren Nachbar:innen. In der Art und Weise, wie die Kinder die Baumfreundzeit nutzen, zeigt sich auch ihr Charakter und ihre Tagesform.

Die Kindergartenkinder sind auf dem Heimweg. Elisa (Kg1) ist wie jeweils ihre grosse Schwester Anna- Gloria (1Kl) am Bummeln und die letzte. Nael (2Kl) steht neben seinem Baumfreund und schaut den Kindern nach. Elisa sieht ihn, dreht sich um, läuft rückwärts und witzelt mit ihm, Nael lässt sich auf das kleine Mädchen ein und verabschiedet sie fröhlich. Elisa witzelt eifrig weiter, immer noch rückwärts gehend - und stolpert über eine Wurzel, fällt hin. Aber gleich rappelt sie sich wieder auf und winkt Nael ein letztes Mal zu.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Nael hat etwas vor. Er balanciert eine fünf Meter lange Astgabel in seinen Armen und versucht diese an einem Baum gleich neben seinem Baumfreund aufzurichten. Da die Astgabel aber eher an einen Stamm als einen Ast erinnert, erweist sich diesen Unterfangen als schwierig. Nael dreht die schwere Last vorsichtig in seinen Armen und hebt sie in die Höhe. Doch sie gerät aus dem Gleichgewicht und Nael muss sie fallen lassen. Er nimmt einen neuen Anlauf und es braucht noch drei weitere Versuche bis er es schafft. Er ist dabei ziemlich ins Keuchen geraten. Aber jetzt strahlt er. Er sucht sich einen weiteren passenden Ast und entdeckt dabei einen Stäubling. Sofort ist der Ast vergessen und er widmet sich dem Pilz. Er kauert zu ihm hinunter und legt seinen Kopf auf den Boden, damit er ihn auch von der Unterseite beäugen kann. Er drückt auf ihn, aber kein Staub entweicht. Nael schüttelt den Kopf: “Der ist schon zu alt”. Er richtet sich auf und schiebt einen längs halbierten Teil eines Baumstamms hinter seinen Baumfreund. Das ist seine neue Sessellehne und er macht es sich daran bequem. Doch die Entspannung dauert nicht lange, und er muss sich wieder an die Arbeit machen. Jetzt fügt er Tannenzweige zu einem kleinen Kranz zusammen. Weit weg hört man vereinzelt Rufe der anderen Kinder.

Thorben (1Kl) hat sich einen Baum zum Baumfreund gemacht, der sich in Sichtweite zu möglichst vielen anderen Baumfreunden befindet. So steht er in konstantem Austausch mit Melina und Fijolla, deren Baumfreund in etwa 50 Meter Entfernung steht. Er ruft: “Fijolla, was machst du?” -“Sag ich nicht.” -“Baust du eine Kanone?” - “Ich baue sicher keine Kanone. Melina, nicht wahr, Mädchen bauen keine Kanonen?” - “Ich schon!” ruft Melina zurück und schwingt kopfüber sanft an einem Ast ihres Baumfreundes.

 

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3) Freispiel: Marienkäferrettung

In der Regel haben die Kinder jeden Tag eine Stunde zur freien Verfügung: Im “Freispiel” können sich die Kinder auf dem ganzen Areal frei bewegen und eigenen Projekten nachgehen. Sie können spielen, was, wo und mit wem sie wollen. Das Areal ist so gross, dass es von den Lehrpersonen nicht überschaut werden kann. Insbesondere in den Jahreszeiten, wo die Bäume Laub tragen, ist ein Überblick unmöglich.

Tino (2Kl), Lucien (2Kl), Juno (2Kl) und Yanik (2Kl) streifen im Winterwald herum. An manchen Orten liegt noch Schnee. Sie besuchen Yaniks Baumfreund und kauern auf dem Wurzelwerk. Juno ruft aufgeregt: “Schaut mal!” Yanik guckt eifrig und meint: “Ich weiss, der Farn ist noch ganz jung, mitten im Winter.” - Juno: “Der Marienkäfer! Was macht denn der noch draussen? Müsste der jetzt nicht Winterschlaf machen?” Yanik steigt sofort ein und schaltet Lucien ein: “Lucien, hast du einen guten Ort für diesen Marienkäfer?” Lucien will es erst genauer wissen: “Lebt er noch?” - Yanik: “Wir müssen ihn anhauchen.” - Juno: “Wieso?” - Tino: “Damit er warm hat. Er war in der Winterstarre!” Lucien hat seinen eigenen Plan: “Ich wecke ihn jetzt auf, damit er selber wohin kann.” Yanik will ihn in seiner Nähe behalten: “Du kannst ihn bei mir in die Höhle legen.” Tino empfiehlt nachdrücklich: “Du musst ihn unter die Rinde legen. Wahrscheinlich wohnen bei dir Tausende Marienkäfer unter der Rinde. Wirklich. Und machen Winterstarre.” - Lucien: “Hier ist es doch zu gefährlich für den Marienkäfer. Da hat es Mäuse.” - Yanik: “Essen Mäuse Marienkäfer?” - Tino: “Ich weiss es nicht. Komm, wir suchen ihm einen besseren Platz.” - Lucien: “Komm, wir bauen ihm ein Häuschen!” - Alle einstimmig: “Ja!” - Tino: “Wir müssen dafür Totholz nehmen.” - Lucien: “Nein, Rinde.” - Tino: “Nein, Totholz.” - Yanik: “Wir brauchen Totholz und Rinde.” Es beginnt ein geschäftiges Treiben und die Kinder streiten sich darüber, wo man die beste Rinde und das meiste Totholz findet.

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Die Kinder kehren mit Ladungen von Rinde und Totholz zu Yaniks Baumfreund zurück. Tino hat sich Gedanken gemacht: “Wir brauchen noch ein paar andere Marienkäfer, damit dieser hier überlebt.” Juno schlägt vor, dass man bei ihrem Baumfreund ein Marienkäferhaus für alle Marienkäfer bauen könnte. Nun wollen die Kinder die Behausung alle bei ihrem eigenen Baumfreund bauen. Yanik wendet ein: “Ou nein, hier geht es nicht. Das ist gar kein guter Ort. Hier hat es irgendwo eine riesige Spinne. Im Sommer habe ich sie hier gesehen! Die kommt und isst den Marienkäfer.”

Schlussendlich einigt man sich darauf, dass der Baum von Juno am besten geeignet ist. Lucien hebt den Käfer sanft auf seine Hand und alle begeben sich langsam zu Junos Baumfreund.

Junos Baumfreund ist ein schmaler Baum mit einer Wurzel, die einen Bogen schlägt. Lucien legt den Marienkäfer mit ruhiger Hand darauf. Tino plant jetzt die Pflege des Marienkäfers: “Juno, dann kann ich dich manchmal beim Baumfreund besuchen und wir können zusammen dem Marienkäfer schauen.” Lucien schreit plötzlich: “He, wo ist denn der Marienkäfer?” Helle Aufregung bricht aus. Ist er davon geflogen? Man vermutet, dass er heruntergefallen ist. Die Kinder wühlen vorsichtig im feuchten Laub und in den nassen Schneeresten. Lucien meint trocken: “Jetzt ist er wahrscheinlich schon tot.” Yanik gibt nicht so schnell auf: “Vielleicht lebt er auch noch. Wir können ein Häuschen bauen und dann fliegt er vielleicht selber hinein. Aber niemand soll hier reinstehen, wo er vielleicht runtergefallen ist. Juno, steh in der Baumfreundzeit nie hier auf diesen Fleck.” - Juno: “Nein, mach ich sicher nicht.” - Yanik: “Wir machen jetzt mit Stecken einen Rahmen, wo man nicht hintreten darf.” Juno ruft plötzlich: “Hier ist es! Ja, du liebes Marienkäferchen.” Yanik schaut es an: “Ist es das richtige? Tino, erkennst du es?” - “Ja, das ist unseres!” Lucien nimmt es Juno aus der Hand und setzt es auf die Rinde: “Ich habe es auf die Veranda gesetzt. Es muss selber sein Häuschen finden.” - Yanik: “Nein, Lucien, nimm es schnell wieder weg. Wir müssen das alles anders bauen. Dann hat die ganze Familie Platz.” Lucien nimmt den Marienkäfer gehorsam wieder in die Hände und haucht ihn behutsam an. Yanik schlägt vor: “Mit der Hacke können wir ihm einen Weg graben.” - Tino: “Der gräbt sich im Fall selber einen Weg.” Die Kinder bauen gemeinsam mit Rindenstücken eine Behausung und achten darauf, dass es nicht hineinregnet und dass es ein paar Löcher gibt, damit genug Sauerstoff durchdringen kann. Tino vollendet das Werk mit einer guten Portion Totholz. Yanik weist Juno nochmals an: “Juno, du musst gut aufpassen. Du musst in jedem Freispiel hierherkommen, also, wir alle treffen uns hier in jedem Freispiel...” Lucien unterbricht ihn: “Nicht in jedem.” - Yanik: “Ja, nicht in jedem.” Tino fällt ihm ins Wort: “Was fressen Marienkäfer?” Juno verspricht sich von Lucien eine Antwort: “Lucien, weisst du das?” - “Ja, ich weiss es, aber ich kann es nicht sagen. Diese Pflanze. Dings (seufzt).” - Yanik: “Der findet selber Essen!” Tino erklärt: “Nein Yanik, damit der Marienkäfer hier drinnen bleibt, müssen wir ihm das richtige Essen hinlegen.” Yanik rennt zu Franziska um zu erfahren, was Marienkäfer wirklich essen. Die anderen bewachen derweil die Marienkäferbehausung. Yanik kommt schnaufend zurück und schreit noch im Herbeirennen: “Larven und Läuse!” Lucien weiss noch mehr: “Und Zecken! Ich weiss, wo es ein Zeckennest hat. Beim Baumfreund von Sophia!” - Tino: “Wir müssen hier aber noch die Tür verbarrikadieren, sonst bekommt er nie seinen Winterschlaf.” Dann rennen alle los zu Sophias Baumfreund.

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4) Philosophieren über Naturphänomene

Am Nachmittag nach der Baumfreund-Zeit treffen sich alle Schulkinder im “Nest”. Die Kinder bringen ein Buchenblatt, ein Rindenstück oder etwas anderes mit, das ihnen aufgefallen ist und zu dem sie eine Frage haben. Im mündlichen Austausch tragen sie ihr Wissen zusammen und mutmassen gemeinsam beispielsweise über den Hintergrund der weissen Flecken auf dem Buchenblatt. Die Lehrerinnen leiten das Gespräch, halten sich aber mit der «richtigen Lösung» zurück, vielmehr regen sie die Kinder an, selber Vermutungen anzustellen und aufeinander einzugehen. Oder sie stellen selber Fragen an die Kinder. Die Zweitklasskinder beteiligen sich sehr lebhaft an diesem Austausch, alle wollen etwas beitragen und warten ungeduldig, bis sie aufgerufen werden. Die Erstklasskinder sind vielfach noch etwas schüchtern und trauen sich nicht oft, ihre Vermutung in die Runde zu geben. Denn vieles wird von den anderen gleich wieder verworfen.

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Die Schulkinder sitzen im “Nest”, einem Sitzrechteck auf liegenden Baumstämmen. In der Mitte liegt ein blaues Tuch auf dem Boden mit zwei verwelkten Blättern, einem Pilz und einem zweifarbigen Pflanzenstängel darauf. Franziska fragt in die Runde: “Wer hat eine Beobachtung oder Erfahrung zum Teilen oder eine Frage an die anderen? Carlotta?” Carlotta (1Kl) streckt ein Blatt in Herbstfarben und kleinen weissen Flecken darauf in die Höhe. Sie spricht halb schweizerdeutsch, halb hochdeutsch (in den Unterrichtseinheiten ist hochdeutsch angesagt). “Ich möchte fragen, warum da so weiss dran ist. Die anderen sagten, dass das ein Pilz sei. Aber es kann nicht ein so dünner Pilz sein.” - “Doch”, raunt es aus

der Runde im Chor. Franziska: “Halte das Blatt mal in die Höhe.” Nael (2Kl) erhebt sich leicht von seinem Platz um genauer zu sehen: “Bitte mal mit der anderen Seite, ich sehe es nicht richtig. Ah. Das ist am Verwesen...” Enzo (1Kl) steigt ein: “Ja, am Verwesen und dann wird das Erde. Die Blattrippen bleiben noch ein bisschen da.” Franziska greift ein: “Ja genau, aber denkt dran, ihr müsst aufstrecken und warten bis ihr aufgerufen werdet. Wanda.” - “Ich glaube, das ist eine Zitterpappel und die ist - ....” Nael unterbricht sie: “Nicht »ich glaube«. Das ist eine Zitterpappel.” - “Ja, ok, aber ich kenne diese Bäume nicht so gut, also will ich mich hier nicht lächerlich machen (sie reagiert entnervt und mit nachdrücklicher Stimme). Eben. Es ist das Blatt einer Zitterpappel und es ist am Verwesen.” Nael übernimmt wieder: “Das ist so ein bisschen wie... Also wenn wir verwesen, dann bleibt ja auch nur noch das Skelett.” Nael steht auf und nimmt Carlotta das Blatt aus den Händen und zeigt auf die Blattrippen: “Das ist so wie das Skelett. Das sind die Hauptleitungen, die verteilen das Wasser im Blatt.” Tino (2Kl) wartet schon lange ungeduldig bis er auch etwas beitragen darf: “Wäre das nicht wie die Adern bei uns? Die Adern gehen ja durch den ganzen Körper und liefern Blut.” Ena (2Kl) will auch unbedingt etwas dazu sagen: “Wenn wir sterben, dann bleibt ja der Staub und der geht dann in die Erde. Das ist wie beim Blatt. Wenn das zerfällt, dann wird es auch zu Erde und das ist wie bei uns Menschen.” Enzo wirft sein Lieblingsthema ein: “Ausser, dass die Knochen noch übrig bleiben bei uns.” Nael weiss noch mehr: “Das dauert dann länger bis der Knochen zu Erde geworden ist.” Tino erläutert: “Ich glaube, dieses Blatt ist im Stadion vier, dann muss es noch nicht unbedingt unter der Erde gewesen sein. Stadions gibt es auch bei den Raupen. Stadion fünf ist Entwicklungsstadion. Das Blatt ist jetzt im Stadion vier, ich glaube, das ist vom letzten Herbst. Vielleicht auch von diesem Herbst. Ich kenne mich auch nicht so aus bei der Zitterpappel, vielleicht ist es von Baum zu Baum anders. Aber im fünften Stadion ist es dann nur noch Äderchen.” Chrigi regt an: “Und wenn ihr jetzt den Link macht zu uns Menschen, wenn du sagst, es gibt fünf Stadien, wie ist das bei den Menschen?” Die Kinder nehmen ein paar Anläufe, treffen den Punkt aber nicht, bis Tino wieder übernimmt: “Wir Menschen haben sieben Stadioms, zuerst verwest die Haut, dann der Knorpel, dann wird der Körper schwarz (zählt an seinen Fingern mit), im vierten Stadion wird das Schwarze bläulich, dann zersetzt der Körper sich langsam, dann bleiben am Schluss noch die Knochen übrig, die werden dann wackelig und dann verwesen sie auch.” Melina (2Kl) fragt: “Ich verstehe nicht, was ein Stadion ist.” Tino erklärt: “Beim Stadion kannst du dir vorstellen, es ist wie bei einer Raupe. Zuerst ist sie klein, dann wird sie grösser und grösser.” Hier greift Franziska nochmals ein und erklärt den Begriff “Stadium”. Dann fragt sie in die Runde: “Wer hat diesen Pilz mitgebracht?” Das war Sophia (2Kl), sie will wissen, warum er oben so violett ist. Nael habe ihr bereits gesagt, dass das ein Lacktrichterling sei. Nachdem über die Farbe gemutmasst wurde, fragt Franziska: “Und wenn ihr Nael nicht dabei habt, wie könnt ihr dann herausfinden, um welchen Pilz es sich handelt?” Wanda schlägt vor: “Dann habe ich vielleicht mein Mami dabei und sie kann eine Pilz-App herunterladen und dann dort schauen.” Enzo wirft ein: “Aber manchmal stimmt das Telefon auch nicht.” Ena bringt die Antwort, mit der Franziska zufrieden ist: “Man kann in einem Pilzbuch nachschauen.”

Annica, die Praktikantin ergreift das Wort: “Und jetzt machen wir noch eine Regenwurmrettungsaktion! Wir lassen alle Regenwürmer frei und suchen ihnen ein wunderschönes Plätzli. Denkt einfach daran, dass diese Regenwürmer auch leben. Wie nehmt ihr sie dann also in die Hände? Ena?” - “Ich nehme den Regenwurm so ganz sanft (macht eine Schale mit ihren Händen und ein mitfühlendes Gesicht) und lege ihn fein auf den Boden.” Lucien wirft noch ein: “Und ein gutes Plätzli, nicht irgendwo gleich auf dem Boden, wo man dann drauf tritt.”

5) Rechentraining und Sprachaufgaben

Neben dem täglichen Rechentraining steht für die Erst- und Zweitklasskinder am Dienstag- und am Donnerstagnachmittag auch eine längere Unterrichtseinheit auf dem Stundenplan, die dem Üben und Festigen gewidmet ist. Auch hier wird meist mit Waldmaterialien gearbeitet. Nach einer Einführung in der Gruppe folgt eine Einzel-, Partner:innen- oder Gruppenarbeit. Die Gruppenzusammensetzung wird in der Regel von den Lehrpersonen vorgegeben. Meist sind Mädchen und Jungen gemischt. Oder die Lehrerin sagt, dass die Kinder diesmal mit einem Kind arbeiten sollen, mit dem sie schon lange nichts mehr gemacht haben. So kommen auch ungewöhnliche Konstellationen zusammen, die mal besser, mal schlechter funktionieren. Die Kinder ziehen sich dann mit ihrer Gruppe in eine Ecke des Waldes zurück und widmen sich dort den Aufgaben. Zum Abschluss der Sequenz müssen auch die Kinder der Waldschule ihre Lese-, Schreib-und Rechenfertigkeiten mit eher eintönigen Aufgaben routinieren. Zu dieser Zeit neigt sich der Nachmittag schon langsam dem Ende zu und insbesondere die Partner:innen- und Gruppenarbeit wird je länger desto weniger ernsthaft betrieben. Viel lieber wird die Gelegenheit genutzt um sich über Privates auszutauschen. So ergeben sich oft schöne kleine Momente.

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Produktionelle Angaben

Länge: 52 Min.

Sprache: schweizerdeutsch mit deutschen, französischen und englischen Untertiteln

Buch, Regie, Produktion: Natalie Pfister

Kamera: Natalie Pfister

Ton: Tim Böckle und Stefan Nobir

Montage: Annette Brütsch

Tonstudio: Magnetix

Produktion: beyondstories GmbH in Koproduktion mit Schweizer Fernsehen SRF